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Schweizerisches Strafgesetzbuch

Vollzug von Freiheitsstrafen – Grundsätze

Art. 75, Abs. 1:

Der Strafvollzug hat das soziale Verhalten des Gefangenen zu fördern, insbesondere

die Fähigkeit straffrei zu leben.
Der Strafvollzug hat den allgemeinen Lebensverhältnissen so weit als möglich zu entsprechen,

die Betreuung des Gefangenen zu gewährleisten, schädlichen Folgen des Freiheitsentzugs entgegenzuwirken und dem Schutz der Allgemeinheit, des Vollzugspersonals und der Mitgefangenen angemessen Rechnung zu tragen.

 

 

Die Strafanstalt Thorberg

 

In der Strafanstalt Thorberg sind 180 Männer aus über 40 Nationen inhaftiert.
Als Einweisungsgründe in den geschlossenen Vollzug gelten: schwere Verbrechen, Rückfälligkeit, Gemeingefährlichkeit oder Fluchtgefahr.

Gemäss Art. 81 StGB ist der Insasse zur Arbeit verpflichtet. Es gibt verschiedene Werkstätten und Hausdienste, jedoch oft nicht genug Arbeit für alle. Wer die Arbeit verweigert wird mit Arrest bestraft. Der Arbeitsentgeltansatz beträgt zur Zeit Fr. 26.– pro Tag. 40 % werden auf ein Sperrkonto gebucht. Die Vollzugsinstitution kann Zahlungen ab dem Sperrkonto veranlassen, um Wiedergutmachung oder Opferhilfe zu leisten oder um Ausschaffungskosten zu decken.

Die Mahlzeiten werden den Gefangenen bei der Zellentüre gereicht. Es gibt eine gesonderte muslimische und vegetarische Küche. Während der Essenszeit werden die Insassen eingeschlossen. Es bestehen beschränkte Kochmöglichkeiten auf der Zelle. Lebensmittel, Frisch- und Backwaren können wöchentlich bestellt werden, sofern der Insasse über Geld auf seinem Freikonto verfügt.
An Wochentagen sind die Zellen abends während drei Stunden geöffnet. Die Insassen können sich dann frei auf ihrer Etage bewegen, die gemeinsame Dusche und die Telefonkabine benutzen oder im Kraftraum trainieren. Am Wochenende werden die Insassen während ca. 19 Stunden täglich in der Zelle eingeschlossen. Dort dürfen Fernseher und Computer benutzt werden. Internet, Mobiltelefone und DVD’s «ab 18 Jahren» sind verboten.
Auf dem Thorberg gibt es einige Bildungsangebote, die bei guter Führung belegt werden können. Es fehlt jedoch die Möglichkeit zu einer Berufsausbildung mit Abschluss.
Die Insassen haben das Recht, täglich eine Stunde im Hof zu spazieren. Ballspiele sind verboten. Es gibt weder Fussballfeld noch Turnhalle.
Die monatliche Besuchszeit beträgt fünf Stunden. Es gibt kein Beziehungszimmer für Paare oder Familien.

 

 

Stellungnahme des Autors

Dieter Fahrer, Dezember 2009

 

Ich kann nicht verhehlen, eine gewisse Sympathie für Aussenseiter, Gestrauchelte, Entgleiste zu empfinden. Ich sehe das etwa wie der Schauspieler Lee Marvin, der auf die Frage, wie es sich anfühle, immer nur Bösewichte gespielt zu haben, antwortete, er habe kein einziges Mal einen Bösewicht gespielt, sondern stets Menschen, die aus ihrer misslichen Lage das Beste zu machen versuchten.

Mit schreienden Headlines und reisserischen Reportagen wird täglich von Kriminalfällen aus aller Welt und aus unserer Nachbarschaft berichtet. Sex and Crime sell! Eine alte Medienweisheit.
Kampusch, Kachelmann und Kneubühl werden über Nacht zu Berühmtheiten, als Opfer oder als Täter, werden auf Herz und Nieren multimedial durchleuchtet, werden vorverurteilt, später auch einfach wieder medial fallen gelassen, in Freiheit oder in Haft.
Die mediale Inszenierung schafft Nervenkitzel. Ausgehend von der Tat werden Hintergründe, Details, Experten und Zeugen auf die Bühne der Öffentlichkeit gezerrt.
Wir müssen nicht mehr ausziehen, um das Fürchten zu lernen, wie dies die Gebrüder Grimm noch beschrieben haben – uns gruselt zu Hause. Aus sicherer Distanz betrachten wir die Greuel in der Welt. Die Menschen, denen wir darin begegnen, sind mediale Spieler in einem Welttheater, das wir immer «realer» miterleben können und das uns dennoch immer weniger berührt.
Der «Konsum des Bösen» führt deshalb leicht zu dessen Verdrängung, ist sublimierte Angst und schafft doch neue Ängste.

 

Weitere Texte von Dieter Fahrer siehe Booklet

 

 

Strafe und Humanität

Hans Saner, Philosoph

Aus: Die Herde der Heiligen Kühe und ihre Hirten. Basel, Lenos Verlag, 1983.

 

Auch das Selbstverständliche wird fraglich. Man kann das nirgends so gut beobachten wie in der Geschichte des Strafrechts. Über Jahrhunderte sind Menschen im Namen des Rechts verbannt, gefoltert und getötet worden. Für all dies schien es gute Argumente zu geben. Sie schützten das Selbstverständliche vor der Kritik. Dennoch tauchten plötzlich die Fragen auf: Was gibt uns eigentlich das Recht, Menschen auszustossen, sie zu quälen oder gar zu töten? Nun geschah das Merkwürdige: Keine der möglichen Antworten erwies sich vor der Humanität als zureichend, mit Ausnahme der einen: Nichts berechtigt uns dazu. – Verbannung, Folter und Todesstrafe verschwanden in der Folge vielerorts aus dem Strafrecht.
So wurde die Zone des Selbstverständlichen etwas schmaler. Aber auch sie wird von neuen Fragen bedrängt: Was gibt uns eigentlich das Recht, Menschen dauerhaft oder vorübergehend die Freiheit zu nehmen? Ist die Freiheit denn ein kleineres Rechtsgut als das Leben, so dass man sie im Namen des Rechts entziehen darf? Wir neigen heute noch dazu, diese Frage zu bejahen. Aber wir verstricken uns dabei in schwere Widersprüche und Paradoxien:
Wenn nämlich eine Gesellschaft sich dazu entschlossen hat, kein Verbrechen, wie schwer es auch sei, mit dem Tod zu bestrafen, und keiner Strafe, wie notwendig sie auch sei, unbegrenzte Dauer zu geben, dann rückt aller Strafvollzug unter die Leitidee, den fehlbaren Täter wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Strafzeit müsste dann eigentlich als Lernzeit für ein normengemässes Verhalten in der Gesellschaft verstanden werden oder als Lernzeit für den vernünftigen Umgang mit der gesellschaftlich gewährten Freiheit. Aber wie soll ein Straftäter dieses Verhalten erlernen, wenn die Strafzeit ihn von der Gesellschaft absondert und ihm die Freiheit radikal nimmt? Der faktische Strafvollzug widerspricht der Idee, unter die er gestellt ist. Er fixiert auf das Verbrecher-Sein, von dem er trennen müsste. Er schafft die Verbrecher, die er bessern möchte.
Die Paradoxie ist vielleicht unlösbar. Denn der Freiheitsentzug ist auch ein Schutz der Gesellschaft vor den Verbrechern. Um des Schutzes willen greift das Recht zu Strafvollzügen, die den Täter schädigen und die Ausbreitung des Rechts eher verhindern. Deshalb wird auch zur Frage: Was gibt der Gesellschaft überhaupt das Recht zu strafen, falls Strafe den Täter schädigt?
Die einzig unverlogene Antwort heisst wohl: Notwehr. Aber sie vermag nicht zu befriedigen. Denn im Umkreis der Notwehr wird die Rechtspflege selber zur organisierten Gewalt, die sich nur noch als Gegengewalt legitimiert. Sie schiebt ein Problem ab, das ihr bewusst werden müsste: Wie kann die Gesellschaft geschützt werden, ohne dass der einzelne fehlbare Mensch geschädigt wird?
Durch seine Lösung würde die Idee der Strafe vermutlich obsolet. Nur: wir kennen die Lösung nicht. So tun wir im Namen des Rechts vorläufig, was wir im Namen der Humanität schwerlich billigen können. Die Strafe demütigt das Recht.